Paul Michael Lützeler / Stephan K. Schindler (eds.)
Gegenwartsliteratur
Ein germanistisches Jahrbuch
A German Studies Yearbook
4/2005
Schwerpunkt: Berlin-Literatur

Band 4/2005, XII, 308 Seiten
EUR 24,50
ISBN 3-86057-984-3


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Inhaltsverzeichnis

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wird international stark beachtet. So haben in den letzten drei Jahrzehnten drei deutschschreibende Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhalten. Auch in der Germanistik beschäftigt man sich vermehrt mit den Werken zeitgenössischer AutorInnen. Das neue Jahrbuch kommt diesem wachsenden Interesse entgegen. Es versteht sich als Forum zur fundierten wissenschaftlichen Diskussion aktueller Entwicklungen in der deutschsprachigen Literatur.

Inhaltsverzeichnis/Table of Contents:

I. Schwerpunkt: Berlin-Literatur

  • ROLF J. GOEBEL: “Ein Hollywood aus Versatzstücken heißester europäischer Geschichte”: Durs Grünbein’s Berlin as Cinematic Spectacle (abstract)

  • ANNE-ROSE MEYER: Metropolenpoesie: Durs Grünbeins Berlin-Gedichte (abstract)

  • BRIGITTE WEINGART: Global Village Berlin: Rainald Goetz’s Internet Journal Abfall für alle (abstract)

  • HELENA DA SILVA: Berlin und die historische Wende: Christa Wolfs Kassandra und Günter Grass’ Ein weites Feld (abstract)

  • PAUL MICHAEL LÜTZELER: “Postmetropolis”: Peter Schneiders Berlin-Trilogie (abstract)

  • DOERTE BISCHOFF: Berlin Cuts: Stadt und Körper in Romanen von Nooteboom, Parei und Hettche (abstract)

II. Einzelinterpretationen

  • MICHELE RICCI: Eluding Histories and Registering Change: Barbara Köhler’s and Thomas Kling’s 1991 “Picturing” Poems (abstract)

  • STEFANIE HARRIS: Imag(in)ing the Past: The Family Album in Marcel Beyer’s Spione (abstract)

  • GARY SCHMIDT: Between Venice and West Hollywood: The Homosexual Text in Joachim Helfer’s Cohn und König (abstract)

  • JÜRGEN HEIZMANN: Komik, Ironie, Groteske: Hans-Ulrich Treichels Erzählung Der Verlorene (abstract)

  • BRIGITTE ROSSBACHER: Cultural Memory and Family Stories: Uwe Timm’s Am Beispiel meines Bruders (abstract)

  • CAROLINE SCHAUMANN: A Third-Generation World War II Narrative: Tanja Dückers’s Himmelskörper (abstract)

Rezensionen/Book Reviews

  • BLIOUMI, AGLAIA. Interkulturalität als Dynamik. Ein Beitrag zur deutsch-griechischen Migrationsliteratur seit den siebziger Jahren (Irene Kacandes)

  • BRAUN, MICHAEL, UND BIRGIT LERMEN, HG. Begegnung mit dem Nachbarn. Aspekte österreichischer Gegenwartsliteratur (Helga Schreckenberger)

  • BROCKMANN, STEPHEN, AND JAMES STEAKLEY, EDS. Heroes and Heroism in German Culture. Essays in Honor of Jost Hermand April 2000 (Gisela Hoecherl-Alden)

  • EIDUKEVICIENE, RUTA. Jenseits des Geschlechterkampfes: Traditionelle Aspekte des Frauenbildes in der Prosa von Marie Luise Kaschnitz, Gabriele Wohmann und Brigitte Kronauer (Jutta Ittner)

  • FISCHER, GERHARD. GRIPS. Geschichte eines populären Theaters (Trudis E. Goldsmith-Reber)

  • GILMAN, SANDER L., AND HARTMUT STEINECKE, EDS. Deutsch-jüdische Literatur der neunziger Jahre: Die Generation nach der Shoah. Beiheft zur Zeitschrift für deutsche Philologie (Cary Nathenson)

  • GOLTSCHNIGG, DIETMAR, HG. Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentare (Dieter Sevin)

  • HAAS, BIRGIT. Modern German Political Drama 1980–2000 (Gerhard Fischer)

  • HONEGGER, GITTA. Thomas Bernhard. The Making of an Austrian (Gregor Hens)

  • LOESCHER, JENS. Mythos, Macht und Kellersprache. Wolfgang Hilbigs Prosa im Spiegel der Nachwende (Michael Braun)

  • LUBICH, FREDERICK A. Wendewelten. Paradigmenwechsel in der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte nach 1945 (Stephan K. Schindler)

  • THEISEN, BIANCA. Silenced Facts. Media Montages in Contemporary Austrian Literature (Jacqueline Vansant)

  • WARD, SIMON. Negotiating Positions: Literature, Identity and Social Critique in the Works of Wolfgang Koeppen (Reinhard Zachau)

Editorische Notiz/Editorial Note




Abstracts:

ROLF J. GOEBEL: “Ein Hollywood aus Versatzstücken heißester europäischer Geschichte”: Durs Grünbein’s Berlin as Cinematic Spectacle
After reunification, Berlin searches for authentic ways of coming to terms with Germany’s national history, even while subscribing to postmodern processes of de-realization typical of electronic mass media, global consumer capitalism, and architectural simulacra. Although he holds on to modernist notions of poetic subjectivity and authentic experience, Durs Grünbein depicts the capital as a postmodern site of virtualization, as a quasi-cinematic “reality studio,” a Hollywood made up of all kinds of trendy props borrowed from European history. Filmic metaphors and a cinematic montage style represent Berlin as a multilayered topography haunted by the ghostly shadows of a repressed or half-forgotten past that, like flashbacks, continually interrupt the jump cut sequences of the transitional cityscape after the fall of the Wall.


ANNE-ROSE MEYER: Metropolenpoesie: Durs Grünbeins Berlin-Gedichte
‘Großstadt’ ist eines der zentralen Themen in der Dichtung Durs Grünbeins. Berlin kommt darin eine Sonderstellung zu: Am Beispiel der zerstörten, wieder aufgebauten und neu gestalteten Metropole gewinnt die wechselseitige Bedingtheit von Werden und Vergehen, Aufkommen und Verfall von Kultur, Weltreichen und politischen Systemen Evidenz. Die tief greifenden historischen Veränderungen Berlins, die Grünbein u.a. anhand von Bauwerken versinnbildlicht, beeinflussen das literarische Sprechen über diese Großstadt. Grünbeins postmoderner Schreibweise ist dabei ein aufklärerisches Moment eigen, das die Besonderheit dieser Lyrik ausmacht: In seinen dichterischen Fiktionen entlarvt er u.a. mittels des Rekurses auf traditionelle Topoi von Großstadtliteratur und zahlreicher intertextueller Verweise die kulturhistorische Bedingtheit und damit den konstruktivistischen Charakter nur scheinbar einzigartiger, individueller Stadtwahrnehmung.


BRIGITTE WEINGART: Global Village Berlin: Rainald Goetz’s Internet Journal Abfall für alle
In 1998, as literary criticism searched for a novel about the new “Berliner Republik,” Rainald Goetz started sending out his diary-like notes daily via the internet. The results of this experiment, entitled Abfall für alle, were subsequently published in book form as Roman eines Jahres. If narrating Berlin has always confronted writers with the task of establishing a “convergence of place and writing strategy,” Goetz’s experiment reveals how the writing of the city changes in the context of the virtualization of space. By dissolving the center electronically, the medium of the internet necessarily affects the writing of the “capital.” In connecting Goetz’s strategies to media theory and to Pop uses of an urban idiom, this essay analyzes how Abfall für alle both destabilizes and reestablishes the distinctions of global vs. local and central vs. peripheral as well as experience vs. fiction and oral vs. written communication.


HELENA DA SILVA: Berlin und die historische Wende: Christa Wolfs Kassandra und Günter Grass’ Ein weites Feld
Christa Wolfs Kassandra und Günter Grass' Ein weites Feld konstruieren unterschiedliche Bilder Berlins, verbunden mit gegensätzlichen historischen Vorstellungen. In Wolfs Erzählung steht das mythische Troja für Ost-Berlin. Es entstehen Bilder eines politisch-militärischen Systems, einer dekadenten und danach zerstörten Polis. Aus Kassandras Monolog erhebt sich die Klage über das reale Scheitern des Marxismus und die Heraufkunft einer negativen posthistorischen Zeit. In Grass' dialogischem Roman formt das reale und geistige Flanieren Archetypen der Stadtliteratur: Berlin wird zum Emblem der Vereinigung, zum archäologischen Ort, zum Palimpsest und Archiv. Daraus entsteht die (de)konstruktivistische Vision einer Geschichte der Gleichzeitigkeiten, die sich gegen Ideen vom Ende der Geschichte und eines Neubeginns richtet.


PAUL MICHAEL LÜTZELER: “Postmetropolis”: Peter Schneiders Berlin-Trilogie
Aktuelle Raum- und Stadttheorien von Henri Lefebvre bis Edward Soja werden bei der Interpretation von Peter Schneiders Berlin-Trilogie (Der Mauerspringer, Paarungen, Eduards Heimkehr) hinzugezogen. Berlin erscheint als “Postmetropolis”, die — stärker noch als andere Hauptstädte — ihre Funktion als Ort nationaler Souveränität verloren hat. Es sind Gebäude, in deren Assoziationsfeldern sich Erinnerungen bilden und Kritik entzündet. Im Mauerspringer ist das Symbol der kontinentalen Teilung und der Entmachtung der Stadt der eigentliche Romanheld; in Paarungen spielt — strukturell gesehen — die Intellektuellenkneipe “tent” eine vergleichbare Rolle, und in Eduards Heimkehr ist es das geerbte Haus im Ost-Berlin der Postwendezeit, das als zentrale Metapher die fatale Vergangenheit und die Vereinigungskrise der Gegenwart verdeutlicht.


DOERTE BISCHOFF: Berlin Cuts: Stadt und Körper in Romanen von Nooteboom, Parei und Hettche
Gegen Prognosen, die die Stadt des 21. Jahrhunderts als körperlose city of bits imaginieren, weist der Beitrag nach, daß zumindest in der literarischen Gestaltung Berlins die Verknüpfung von Stadt und Körper nach wie vor zentral ist. Cees Nootebooms Allerseelen, Inka Pareis Die Schattenboxerin und Thomas Hettches Nox zitieren die traditionsreiche, vor allem in der Moderne virulente Metaphorisierung der Stadt als Körper ausdrücklich, transformieren sie aber zugleich, indem sie Körper (in) der Stadt nur mehr als verletzte beschreiben, die Fragmentierungen und Teilungen ausgesetzt sind. Dabei reflektieren sie nicht nur die spezifische Geschichte Berlins als eine von Gewalt und Zerteilung, sondern auch das der Stadtkörper-Metapher inhärente Potential symbolischer Gewalt. Indem sie, im Sinne Richard Sennetts, vom Schmerz erzählen, geben sie Differenzen und Heterogenitäten Raum.


MICHELE RICCI: Eluding Histories and Registering Change: Barbara Köhler’s and Thomas Kling’s 1991 “Picturing” Poems
Poets Barbara Köhler and Thomas Kling employ visual art forms as structuring elements in their 1991 volumes Deutsches Roulette and brennstabm, respectively. This article explores examples of this technique, understood in terms of the poets’ shared concerns for rendering history and change, particularly in the context of German unification. Significantly, far from offering a completed picture in words, their poems depict a process of picturing — of both creating images and viewing them — in which objects are continually altered, effaced, and newly combined to avoid supporting a single conclusion. Of the same generation, though from opposite sides of the Wall, Köhler and Kling make use of this lyrical technique to express both the cautionary and redemptive potential in envisioning history as process over result.


STEFANIE HARRIS: Imag(in)ing the Past: The Family Album in Marcel Beyer’s Spione
Foregrounding the interrelation of media and memory, recent German fiction is dominated by allusions to photography. Beyer's novel is unique, however, in its de-emphasis of the referential or evidentiary value of the photograph — his narrator invents the photographs in the family album — stressing instead the role of the imagination in the encounter with the photographic image. While the image-text relationship generally announces a tension between linguistic and pictorial modes of representation, Beyer complicates this dialectic, revealing a certain fluidity between photograph and text in the negotiation of a more vital relationship between the past and the present, the private and the public. The photo collage, which complements (but emphatically refuses to illustrate) the text, likewise enacts the multiplicity of heterogeneous stories that cannot be contained within a monolithic view of the past.


GARY SCHMIDT: Between Venice and West Hollywood: The Homosexual Text in Joachim Helfer’s Cohn und König
Joachim Helfer’s novel Cohn und König can be read as a metatext reflecting on the writing of the homoerotic in contemporary German literature. Helfer’s novel negotiates the border between “das Schwule” and “das Menschliche,” constructed in the German literary public sphere. Using insights from queer theory on the function of the queer as a figure for disfiguration, this essay analyzes how Cohn und König engages with different possibilities for writing male homosexuality, including the modernist tradition embodied in Thomas Mann’s Death in Venice and gay liberationist perspectives associated with American culture. Creating a humanist model of pederasty written against homogenized gay identities, the novel constructs its own literary abject in the banality of gay domesticity and the specter of AIDS.


JÜRGEN HEIZMANN: Komik, Ironie, Groteske: Hans-Ulrich Treichels Erzählung Der Verlorene
Mit der Geschichte um den verschollenen Bruder gelang Hans-Ulrich Treichel der internationale Durchbruch. Der Beitrag erschließt die komischen, ironischen und grotesken Kunstgriffe dieses literarischen Textes und interpretiert sie im Hinblick auf seine Gesamtaussage. Dabei wird die geistige Verwandtschaft des Ich-Erzählers mit den in Nullität versinkenden Anti-Helden Robert Walsers deutlich. Die Komik erweist sich als besonders geeignetes Verfahren, geschichtliches Erleben zu vergegenwärtigen, zumal Komik Dinge in den Blick zu nehmen vermag, die dem ernsten Diskurs verschlossen bleiben. Die Leistung der grotesken Stilmittel besteht darin, die bedrohte Identität des Erzählers und seine fortschreitende Dekomposition vor Augen zu führen. Der Titel Der Verlorene trifft auf den Erzähler zumindest in gleichem Maß zu wie auf den am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwundenen Bruder.


BRIGITTE ROSSBACHER: Cultural Memory and Family Stories: Uwe Timm’s Am Beispiel meines Bruders
Uwe Timm’s non-fictional family story Am Beispiel meines Bruders resonates with and participates in current debates on German suffering in World War II. In Am Beispiel meines Bruders, the author juxtaposes communicative and cultural memory, investigating his family’s wartime experiences of suffering, loss, and guiltlessness and rereading these narratives in light of more recent historical discourse on German perpetration and culpability. Through a close analysis of Timm’s technique of montage, this essay highlights how Timm represents tensions between the radically different narratives of German suffering and perpetration and how he thus contributes to an ongoing generational engagement with the German past.


CAROLINE SCHAUMANN: A Third-Generation World War II Narrative: Tanja Dückers’s Himmelskörper
Marianne Hirsch’s concept of postmemory is applied to the writings of Tanja Dückers, a third-generation German author, who articulates her responses to the Holocaust and Nazi Germany. Dückers’s novel Himmelskörper departs from the responses of the first and second generation by offering a critique of both familial and institutional remembrance. Freia, Dückers’s protagonist, notices inconsistencies in her grandparents’ and parents’ waning memories; she also perceives gaps in her Holocaust education in school as well as in media coverage and in memorial sites. Having no wartime experiences and memories of her own, Freia connects childhood memories, transmitted memories, and historical documentation with her own creative interpretation. Thus, the lack of memory spurs a creative process that Dückers calls sinnliche Geschichtsschreibung, which merges memories with emotions, intuition, and imagination.


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Letzte Änderung: 26.11.2016 10:12:00

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